Der blinde Boxer

Klatsch, macht es. Gefolgt von einem Rauschen. Dann wieder Klatsch.
Donnernd schlägt eine riesige Welle nach der nächsten ans Ufer.

Nach wochenlanger Tournee durch steinig-staubige Wüstengegenden sind wir endlich am Pazifik angekommen – und für Vincent gibt es kein Halten mehr.

T-Shirt aus, Hose runter, und schon rennt er, springt ins Wasser, taucht unter. Kommt wieder hoch. Lacht.
Noch eine Welle. Noch eine.

Dann steht er plötzlich vor uns.
Blinzelt. Ohne Fokus.

„Meine Brille…“

Fast gleichzeitig drehen wir uns alle um. Starren aufs Wasser.
Als könnte sie irgendwo zwischen zwei Wellen treiben.

Spoiler: Tut sie nicht.

Vincent geht nochmal rein, begleitet vom Rest der Familie. Gegen jegliche Vernunft tasten wir mit Händen und Füßen den Boden ab, die Augen im Wasser, als hätten wir eine Chance gegen Strömung und Sand.

Nach ein paar Minuten brechen wir ab.
Es hat keinen Sinn.

Wenig später sitzt die Ersatzbrille schief auf seiner Nase. In kürzester Zeit ist das olle Modell zu unserem kostbarsten Schatz geworden. Ohne sie ist Vincent aufgeschmissen.

Der hat für solcherlei Sorgen keine Zeit. Mit lässiger Geste wirft er die Brille aufs Handtuch und stürzt sich erneut in die Fluten. Wasser ist sein Element, schon immer.

Die nächste Welle kommt höher, schneller. Trifft ihn seitlich, reißt ihn mit.
Einmal hoch. Einmal rum. Dann ist er weg. Mein Herz bekommt zu pochen, ich mache mich bereit zum Sprint.

Da taucht er wieder auf. Hält sich das Gesicht.
Zwischen den Fingern: Blut.

Wir ziehen ihn raus, setzen uns in den Sand. Spülen, drücken, schauen.
Die Nase schwillt an, wird dunkler.

„Geht schon“, sagt er.

Wir nicken. Natürlich sagen wir nichts anderes. „Leg dich mal hin und ruh dich ein bisschen aus,“ sage ich und schüttele den Sand von seinem Handtuch. Diesmal kommt kein Widerspruch.

In der Familie sind Mediziner. Wir schicken ihnen Bilder der blutigen Nase und der sich allmählich blaugrün verfärbenden Schwellung, fragen um Rat. „Müssen wir ins Krankenhaus? Hier in den USA?“

Irgendwann fällt das Wort „Boxernase“ – ein Fehler. Ich schau im Internet nach Bildern und bin entsetzt: Bitte nicht!

In den nächsten Tagen schaue ich immer wieder hin.
Nur kurz. Ganz unauffällig.

Die Ersatzbrille sitzt immer noch schief. Die Nase pocht.
Und irgendwo da draußen liegt jetzt eine ziemlich gute Brille im Pazifik.

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Siebzehn Kurven für ein Halleluja