Siebzehn Kurven für ein Halleluja
Die Motorhaube von Herrn Turtur zeigt direkt auf den Abgrund.
Vor uns eine Haarnadelkurve, die eher wie eine Sackgasse aussieht. Hinter uns hupt ein Chicken Bus. Kurz darauf schießt er an uns vorbei, als wäre das hier eine ganz gewöhnliche Straße.
Mitten in der Kurve bleibt er stehen.
Die Tür fliegt auf, der Ayudante springt heraus und beginnt wild mit den Armen zu wedeln. Wir sollen anhalten. Der Bus setzt zurück, um mit seinem riesigen Wendekreis überhaupt um die Kurve zu kommen.
Unsere Dankbarkeit, dass wir nicht in diesem Bus sitzen, hält genau drei Sekunden.
Denn nun sind wir an der Reihe.
Oliver legt den Rückwärtsgang ein. Die Schnauze von Herrn Turtur zeigt direkt über den Abhang, während wir in der Kurve zurücksetzen müssen. Kurz rollen wir sogar ein Stück weiter nach vorne, bevor Oliver den Wagen wieder einfängt.
Selbst Marlene, sonst felsenfest überzeugt davon, dass „Herr Turtur für solche Strecken gemacht ist“, wird kreidebleich.
„Ich glaube, ich gehe lieber zu Fuß“, sagt sie.
Ich kann sie verstehen.
Ein paar Stunden vorher wirkt der Tag noch völlig harmlos.
Die Straße führt durch Nebaj und weiter nach Cunén. Immer wieder tauchen „Brüder“ unseres Herrn Turtur auf – andere Overlander, die uns mit einem Hupen grüßen. Wir hupen zurück und ernten staunende Blicke.
Die Berge werden höher, die Straßen holpriger. Am Rand der Piste hocken Männer mit Hämmern über großen Steinen und zerschlagen sie in Handarbeit. Andere schieben Schubkarren voller Geröll zu wartenden Lastwagen.
Menschen laufen kilometerweit zu Fuß. Zur Schule. Zum Markt. Zur Arbeit.
Es ist einer dieser Momente, in denen uns wieder auffällt, wie bequem unser eigenes Reisen eigentlich ist.
Nach Regen, Kälte und Nebel in den Bergen wollen wir endlich an den Atitlán-See. Unser Ziel: San Marcos La Laguna. Freunde haben uns von einem kleinen Campingplatz vorgeschwärmt.
Nur die Abfahrt dorthin, hatten sie gesagt, sei „höllisch“.
Jetzt wissen wir, was sie meinten.
Am Nachmittag tauchen immer mehr Chicken Buses auf.
Bunt bemalte ehemalige amerikanische Schulbusse, vollgestopft mit Passagieren, Gepäck und gelegentlich auch lebendem Geflügel. Zwei Männer gehören zu jeder Besatzung: der Fahrer und der Ayudante, sein Helfer.
Während der Fahrer den Bus durch Kurven und Gegenverkehr manövriert, hängt der Ayudante halb aus der Tür, sammelt Geld ein, lädt Gepäck aufs Dach und ruft unterwegs das Fahrtziel in die Menge.
Bei Bedarf fungiert er auch als menschlicher Blinker.
„Chicken Bus!“, rufen die Kinder inzwischen jedes Mal, wenn wieder einer dieser bunt lackierten Kolosse auftaucht.
Kurz bevor wir die Panamericana erreichen, halten wir noch an einem kleinen Straßenstand. Eine Frau verkauft Obst und Chilischoten. Die Äpfel und Orangen sind vom Feinstaub der vorbeirauschenden Lastwagen grau überzogen.
Geduldig wischt sie jedes einzelne Stück mit einem Lappen ab, bevor sie es uns in die Tüte legt.
Auf der Panamericana stimmen wir laut Manu Chaos „El viento“ an. Der passende Soundtrack für diese Straße.
Die gute Stimmung hält genau bis zur Abzweigung nach San Pablo.
Dort beginnt die Abfahrt.
Siebzehn Haarnadelkurven. Fast zwanzig Prozent Gefälle.
Und irgendwo hinter uns wieder ein hupender Chicken Bus.
Nach der zweiten Kurve hat Oliver den Dreh raus, wann er das Lenkrad einschlagen muss, damit Herr Turtur in einem Zug herumkommt.
Noch fünfzehn.
Wir hoffen einfach, dass uns niemand entgegenkommt.
Als wir schließlich im letzten Licht des Tages San Pablo erreichen, fühlen sich unsere Schultern an, als hätten wir den Laster persönlich den Berg hinuntergetragen.
Die letzten Kilometer nach San Marcos führen durch enge Gassen. Ein Strohdach entgeht nur knapp unserer Dachkante, ein Bauloch wird beinahe zur neuen Parkposition.
Dann stehen wir endlich vor einem großen Stahltor.
Der Campingplatz von Pierre.
Während wir uns anmelden, verschwinden die Kinder sofort im tropischen Garten. Endlich Platz zum Toben.
Am Abend sitzen wir mit einem wohlverdienten Bier zusammen, als plötzlich einer der Vulkane auf der anderen Seite des Sees Lava in den Nachthimmel spuckt.
Die Kinder sichern sich die Logenplätze im Cockpit von Herrn Turtur und verfolgen das Naturspektakel vom Bett aus.
Nach einem Tag wie diesem können wir uns die Gute-Nacht-Geschichte sparen.