Die Brücke

Die Straße wird immer schlechter.

Was als halbwegs ordentlicher Asphaltstreifen beginnt, verwandelt sich Kilometer für Kilometer in rote Erde, Wellblech und tiefe Auswaschungen. Der Wagen vibriert, der Inhalt des Wohnkoffers arbeitet sich hörbar durch die Schränke, und irgendwann fahren wir nur noch so schnell, wie es der Untergrund gerade erlaubt.

Schilder gibt es kaum.

Zur Orientierung dient uns eine illustrierte Touristenkarte, die mehr dekorativ als hilfreich ist. Also fahren wir nach Gefühl. Und nach Sonne. Grob Richtung Südosten.

Eigentlich hätten wir schon früher stutzig werden sollen.

An der Grenze hatten wir unsere Zieladresse angegeben und nur fragende Blicke geerntet. „Diese Adresse finde ich nicht“, hatte die Beamtin gesagt. Auch der Mann bei der Versicherung hatte kurz gestutzt und von einer „weiten Reise“ gesprochen.

Wir hatten genickt.

266 Kilometer.

Machbar.

Jetzt wissen wir, was er meinte.

Hinter Belize City wird die Straße zur Dirt Road. Roter Sand, flankiert von Mangroven, später von offenen Flächen, die an Savanne erinnern. Palmen stehen neben Kiefern, als hätten sich zwei Klimazonen nicht entscheiden können.

Kinder stehen in Uniform auf einem Schulhof. Laster fahren vorbei, überladen mit Zuckerrohr, das weit über die Ladeflächen hinausragt. Immer wieder zieht ein kurzer Regenschauer über die Landschaft, dann wieder Sonne.

Es ist schön hier.

Und ziemlich weit weg von allem.

Dann steht sie plötzlich vor uns.

Eine Holzbrücke.

Nicht groß. Nicht besonders vertrauenerweckend.

Links ein Schild:

Danger! No heavy vehicles! Broken Bridge!

Oliver bremst.

Wir stehen.

Und schauen.

Er steigt aus, geht ein paar Schritte nach vorn, betrachtet die Konstruktion. Ich bleibe sitzen und versuche, mir vorzustellen, was „heavy“ in diesem Fall bedeutet.

Neun Tonnen.

Ist das noch „normal“?

Oder genau das, was hier gemeint ist?

„Sieht eigentlich stabil aus“, sagt Oliver.

Ich sage nichts.

Von hinten kommt niemand.

Von vorne auch nicht.

Nur die Mücken.

Marlene lehnt sich nach vorn.

„Wenn du jetzt fährst und der TurTur hier einbricht, dann haben wir kein Zuhause mehr.“

Das sitzt.

Wir überlegen.

Warten?

Umkehren?

Weiterfahren?

Alles fühlt sich gleichzeitig vernünftig und falsch an.

Ich schlage vor, zu warten.

Falls etwas passiert, wäre es ganz hilfreich, nicht allein mitten im Nirgendwo zu stehen.

Dann taucht ein Auto auf.

Aus der Gegenrichtung. Sieben Männer sitzen darin, Bauarbeiter, wie sich schnell herausstellt.

Sie steigen aus, schauen sich die Szene an.

Und lachen.

Die Brücke, sagen sie, sei längst wieder befahrbar.

Seit ein paar Tagen schon.

Sie hätten nur vergessen, das Schild abzunehmen.

Na prima.

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Siebzehn Kurven für ein Halleluja

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