Erleuchtung mit Vulkanblick

„Sacred Cacao Ceremony.“
„Tantric Breathwork.“
„Conscious Touch Workshop.“
„Ayahuasca Integration Circle.”

Wer durch San Marcos La Laguna spaziert, begegnet Verheißungen. Unzählige Werbeschilder hängen an Holzzäunen, flattern zwischen Bougainvilleen oder lehnen handgeschrieben an Hauseingängen.

San Marcos ist nur eines von vielen Dörfern rund um den Atitlán-See. San Pedro, San Pablo, Santiago, San Juan: Die Guatemalteken nennen die Orte am Wasser auch die „zwölf Heiligen“. Dabei scheint jedes Dorf einen ganz eigenen Charakter entwickelt zu haben. Während San Pedro vor allem Backpacker anzieht und Santiago eher traditionell-indigen geprägt bleibt, hat sich San Marcos längst zu einem internationalen Mikrokosmos aus Yogis, Heilern, Aussteigern und Sinnsuchenden entwickelt. Kein Wunder, dass es den Spitznamen „Rishikesh Mittelamerikas“ trägt.

Vielleicht liegt das auch an seiner besonderen Lage. San Marcos ist nur über eine schmale Bergstraße erreichbar und wirkt noch immer wie eine kleine Enklave am See: kaum Verkehr, verwinkelte Wege, tropisches Grün und überall der Blick auf Wasser und Vulkane.

Unser Campingplatz liegt direkt am Ufer des Atitlán-Sees, malerisch umrahmt von drei Vulkanen. Das Klima hier oben gilt als beinahe perfekt: tagsüber warm, nachts angenehm kühl, dazu erstaunlich wenige Moskitos. Nachts spuckt der Fuego, einer der aktivsten Vulkane Guatemalas, rotglühende Lava in den Himmel.

Am Morgen hängt Nebel über dem Wasser, die Vulkanhänge zeichnen sich durch den Dunst nur schemenhaft am Horizont ab. Feuchte Luft weht vom See in die Innenhöfe und Gärten, in denen schon meditiert, gedehnt und fermentierter Kombucha getrunken wird. Vor der kleinen Bäckerei eines deutschen Expats diskutieren zwei Amerikanerinnen in Flipflops über Schattenarbeit. Eine dritte trägt Wollsocken in Sandalen und balanciert eine Klangschale durch die Straße, als wäre das die normalste Art, einen Dienstag zu beginnen.

Ich trage T-Shirt und Shorts und fühle mich seltsam underdressed. Ein bisschen zu profan vielleicht.

Am Vorabend hatte Pam, eine Amerikanerin aus Kalifornien, mich eingeladen, sie zum Yoga zu begleiten. Treffpunkt am nächsten Morgen im Garten eines kleinen Hotels im Gassenlabyrinth von San Marcos. „You’ll love it“, hatte sie gesagt.

Als ich ankomme, sitzen bereits einige Amerikanerinnen auf Matten zwischen Farnen und tropischen Pflanzen. Viele verbringen offenbar regelmäßig mehrere Monate hier. Überwintern in San Marcos. Auftanken. Entschleunigen. Sich neu ausrichten, wie es eine von ihnen formuliert.

Dass der Ort dafür ideale Bedingungen bietet, steht außer Frage. Rund um den See dürfte es kaum irgendwo mehr Yoga- und Meditationsangebote pro Quadratmeter geben. Hatha, Kundalini, Vinyasa. Eco-Retreats werben mit ganzheitlicher Heilung von Körper und Geist, dazu kommen Reiki, Klangschalenheilung, Temazcal-Zeremonien, Kakao-Rituale und Workshops aller Art. Selbst die Speisekarten lesen sich zum Teil wie eine Mischung aus Ayurveda-Lehrbuch und spirituellem Coaching.

Die Zeit vergeht, Kolibris umflattern uns, irgendwo im Hotel klappert Besteck – und nichts passiert: Die Yogalehrerin erscheint einfach nicht.

Allerdings wirkt davon niemand sonderlich irritiert. Die Gespräche gehen im Flüsterton weiter. Irgendwann stellt sich heraus, dass es ein Missverständnis gegeben hat. Die Instruktorin wusste offenbar nichts von dem Kurs.

Statt sich darüber zu ärgern, übernimmt kurzerhand eine der erfahreneren Teilnehmerinnen die Stunde. Wenig später dehnen wir uns unter Palmen dem Himmel entgegen, während vom See das dumpfe Tuckern einer Lancha herüberhallt.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Ortes: in der eigentümlichen Mischung aus Esoterik, Improvisation und erstaunlicher Gelassenheit.

Selbst wer mit Chakren, Rückführungen oder Multiorgasmus-Workshops eher fremdelt, versteht nach einigen Tagen am See zumindest, warum Menschen immer wieder nach San Marcos zurückkehren.

Man muss dafür nicht einmal das Gras wachsen hören. Schon der Blick über den Atitlán-See reicht fürs Erste.

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Der blinde Boxer