Im Schatten des Ixil-Dreiecks

Die Straße windet sich durch grüne Hügel. Nebel hängt in den Bergen der Cuchumatanes, und der Regen der letzten Tage hat den roten Lehm weich gemacht.

Es ist schwer zu sagen, was genau es ist. Doch schon nach den ersten Kilometern fühlt sich diese Gegend anders an.

Die Dörfer wirken stiller. Die Menschen beobachten uns länger.

Irgendetwas liegt hier in der Luft.

Wir wissen nur noch nicht was.

Eigentlich sollte es nur ein kleiner Abstecher sein.

Don Canche, unser letzter Gastgeber, hatte von Nebaj erzählt. Ein Ort, sagte er, in dem die Frauen die schönsten Trachten Guatemalas tragen. Besonders am Sonntag. Dann gehen alle zur Kirche, und die roten Röcke und bunten Huipiles leuchten zwischen den grauen Häusern.

Das wollten wir sehen.

In Uspantán endet die entspannte Fahrt abrupt.

Entlang der Hauptstraße drängt sich der Wochenmarkt. Stände mit Obst, Stoffen und Plastikspielzeug stehen dicht an dicht. Die Polizei hat den Verkehr längst über schmale Nebenstraßen umgeleitet.

Für normale Autos vielleicht kein Problem.

Für Herrn Turtur schon.

Mit wenigen Zentimetern Abstand zu Hauswänden, Motorrädern und Marktständen zirkeln wir uns durch die Gassen. Menschen bleiben stehen, zeigen auf den Truck, lachen, fotografieren.

An jeder Kreuzung stehen Polizisten in Neonwesten und dirigieren uns weiter.

Bis plötzlich eine ganze Reihe Tuktuks die Straße blockiert. Fünfzehn vielleicht. Alle warten auf Kundschaft.

Ein Polizist greift zur Trillerpfeife.

Die Fahrer springen auf, Motoren knattern an, Fahrzeuge werden hin und her geschoben, als würde jemand ein überdimensionales Puzzle sortieren.

Der Weg ist frei.

Fast.

Ein Balkon ragt einen Zentimeter zu weit über die Straße.

Genau einen Zentimeter.

Unsere neue Bambusbalustrade bleibt daran hängen. Es geht weder vor noch zurück. Hinter uns staut sich der Verkehr, um uns herum sammeln sich Schaulustige.

Einzig auf der linken Seite gibt es eine winzige Chance: Motorräder.

Ich packe mit an und schiebe sie ein Stück zur Seite. Zentimeter für Zentimeter arbeiten wir uns frei.

Dann rollt Herr Turtur wieder.

Später laufen wir über den Markt.

Die Frauen tragen schwere rote Wickelröcke, darüber farbenfrohe Huipiles. Jede Tracht scheint eine eigene Geschichte zu erzählen. Muster, Farben, Stickereien.

Marlene bleibt stehen und schaut lange.

Kurz darauf steht sie in einem kleinen Laden vor einem Spiegel und probiert selbst einen solchen Rock an. Dazu ein grünes Oberteil, ein handgewebter Gürtel.

Der Ladenbesitzer lächelt breit.

„Una gringita“, sagt er und bittet um ein Foto.

Die Straße nach Nebaj führt weiter durch kleine Dörfer.

Vor den Häusern stehen Kühe. Schweine fahren auf der Ladefläche von Pickups mit. Alte Männer pflügen Felder mit Ochsen.

Alles wirkt ruhig.

Und doch bleibt dieses Gefühl.

Als würde hier etwas unter der Oberfläche liegen.

In Nebaj selbst nehmen wir ein Zimmer im Hotel Diamante Ixil. Es gibt keinen Campingplatz und der Himmel sieht nach weiterem Regen aus.

Die Zimmer sind eisig kalt, die Decken riechen muffig, und das warme Wasser lässt lange auf sich warten.

In der Nacht bekommt Oliver eine heftige Kopfschmerzattacke.

Am Morgen regnet es weiter.

Erst am Nachmittag brechen wir auf nach San Juan Acul, einem kleinen Dorf neun Kilometer entfernt.

Neun Kilometer können hier eine Stunde dauern.

Die Straße ist lehmig, steil und rutschig.

Die Hacienda San Antonio liegt hinter einer schmalen Holzbrücke.

Wir halten davor an.

Ein Mann mit Pferd winkt uns zu, als wäre alles ganz selbstverständlich. Trotzdem fragen wir noch einmal nach, ob die Brücke das Gewicht unseres Trucks trägt.

Dann fahren wir langsam hinüber.

Das Holz knarzt.

Die Brücke hält.

Die Hacienda wirkt still.

Ein Haus, ein paar Gebäude, eine Wiese. Man erzählt uns, hier werde Chancol-Käse nach alpinem Rezept hergestellt – eine Tradition, die italienische Auswanderer einst in diese Berge brachten.

Wir sind seit Monaten auf Käseentzug.

Die Frau im Haus telefoniert erst mit der Besitzerin. Dann dürfen wir ein Stück probieren.

Sehr gut.

Kaufen dürfen wir maximal hundert Gramm.

Die Zurückhaltung überrascht uns.

Überhaupt wirkt alles hier vorsichtig. Distanziert.

Erst später verstehen wir, warum.

Nebaj liegt im sogenannten Ixil-Dreieck – einer Region, in der während des guatemaltekischen Bürgerkriegs besonders grausame Massaker stattfanden.

In den frühen achtziger Jahren verdächtigte das Militär die Ixil, eine indigene Maya-Gruppe, die Guerilla zu unterstützen. Dörfer wurden zerstört, Menschen verschleppt, vergewaltigt, ermordet.

Zehntausende starben.

Heute spricht kaum jemand darüber.

Wir bleiben zwei Tage auf der Hacienda.

Es regnet fast ununterbrochen. Die geplante Wanderung fällt aus.

Die Berge verschwinden im Nebel.

Und irgendwie passt dieses Wetter zu dieser Gegend.

Alles wirkt ruhig.

Fast friedlich.

Aber unter dieser Ruhe liegt etwas anderes.

Etwas, das man nicht sofort sieht.

Zurück
Zurück

Eine Piñata namens Wilson

Weiter
Weiter

Der Eisblock und die Nadel