Eine Piñata namens Wilson

Wilson hängt am Mangobaum. Der Wind schubst den alten Weinkarton, den wir am Vorabend mit Palmwedeln geschmückt, mit Duct Tape zusammengeklebt und auf den Namen Wilson getauft haben, langsam hin und her. Seine knitterigen Pappbeine baumeln ein wenig hilflos darunter.

Jeremie steht ein paar Schritte entfernt und hält das Seil in der Hand.

Unter dem Baum haben sich fünf Kinder versammelt. Vincent schwingt den Stock durch die Luft und macht ein paar Probeschläge.

Es ist sein neunter Geburtstag.

Eigentlich hatten wir uns diesen Tag anders vorgestellt. Vielleicht wären wir inzwischen schon in Costa Rica angekommen. Eine Dschungeltour mit Affen war einmal im Gespräch gewesen. Oder die Besteigung des Acatenango, dieses schlafenden Riesen neben dem Vulkan Fuego, der nachts Lava in den Himmel schleudert.

Stattdessen sitzen wir seit Wochen hier in San Marcos fest.

Die Welt ist im Lockdown.

Die meisten Läden im Ort sind geschlossen. Selbst ein Geschenk aufzutreiben ist schwierig. Vincent hatte sich Lego gewünscht, nichts Großes, nur ein kleines Set. Gefunden haben wir ein Lineal, ein paar Buntstifte - und eine Tafel Schokolade. Im Lockdown sind Süßigkeiten zum Luxusgut geworden.

Außerdem hat er am Morgen zwei neue E-Books auf seinem Kindle gefunden und eine große Kiste mit Nachrichten von Freunden und Verwandten aus Deutschland. Oliver und ich hatten die per Messenger geschickten Grüße am Abend zuvor auf Papier übertragen und zusammengefaltet.

Doch jetzt geht es Wilson an den Kragen.

Der erste Schlag mit verbundenen Augen verfehlt sein Ziel. Der Karton schwingt weg, der Stock saust ins Leere, Gelächter unter dem Mangobaum. Jeremie zieht am Seil, Wilson fliegt ein Stück in die Höhe.

Der nächste Schlag trifft. Ein dumpfes Geräusch, doch das großzügig angebrachte Duct Tape hält.

Einige Erwachsene zwinkern sich verschwörerisch zu.

Am Vorabend hatten wir auf unserer Dachterrasse zusammengesessen. Ein paar Gestrandete aus dem Camp, ein paar Gläser Wein, der Blick über den See. Irgendwann zauberte Victor einen alten Weinkarton hervor. Jemand fand trockene Palmwedel, ein anderer eine Rolle Klebeband.

Die Idee war plötzlich da: Lasst uns doch eine Piñata basteln! Plötzlich sprudeln die Ideen, jeder übertrumpft den anderen mit Verschönerungsideen. Am Ende stehen wir vor “Wilson” und halten uns die Bäuche vor Lachen. Und ein bisschen auch vor Stolz.

Für den Inhalt legten alle zusammen, was noch irgendwo in Rucksäcken und Küchenschubladen zu finden war. Ein paar M&Ms. Kaugummi. Ein Riegel Schokolade.

Nicht viel.

Bevor Wilson an die Reihe kommt, ist das Gelände längst ein einziges Durcheinander aus rennenden Kindern, fliegenden Bällen und umkippenden Bierdosen. Irgendwo hat Oliver eine Schnitzeljagd versteckt, deren Hinweise inzwischen in allen Hosentaschen gleichzeitig gesucht werden.

Am meisten Gelächter gibt es beim Schokoladenspiel: Reihum wird gewürfelt. Wer eine Sechs erwischt, reißt sich hastig Handschuhe, Mütze und Schal über und stürzt sich auf die Tafel Schokolade in der Mitte des Tisches. Mit Messer und Gabel versucht der Glückliche, Stücke herauszubrechen, während die anderen schon wieder nach dem Würfel greifen. Die Schokolade rutscht über den Teller, jemand lacht so sehr, dass er kaum noch würfeln kann, und am Ende klebt mehr Schokolade an Fingern und Ärmeln als irgendwo sonst.

Jetzt hebt Jeremie das Seil wieder an.

Wilson tanzt ein Stück nach oben.

Der Stock saust erneut durch die Luft.

Ein Riss im Klebeband.

Noch einer.

Dann platzt der Karton.

M&Ms und Bonbons regnen ins Gras. Die Kinder stürzen sich darauf, lachen, sammeln, stopfen sich die Taschen voll.

Am Abend sitzen wir alle zusammen am Pool unseres Gastgebers Pierre. Jeder hat etwas mitgebracht. Ein improvisiertes Buffet aus allem, was noch irgendwo aufzutreiben war. Apfelkuchen nach Oma Gabis Rezept. Ein zweiter Kuchen von Anne-Marie aus Kanada. Eine neue Angel für Vincent. Ein Survival-Buch von Rüdiger Nehberg. Ein Kartenspiel.

Spät am Abend laufen wir zurück zum Laster.

Vincent trägt seine Geschenke unter dem Arm und erzählt drei Leuten gleichzeitig von Wilson.

Der Mangobaum steht still im Dunkeln.

Nur ein paar bunte Bonbonpapiere liegen noch im Gras.

Zurück
Zurück

Das Schwein von Tzununá

Weiter
Weiter

Im Schatten des Ixil-Dreiecks